MANASTIRI: Die Stadt der Geister

Von Stephen Schwartz

Am Ende des letzten Jahres besuchte ich zum ersten Mal Manastiri in Mazedonien, eine Stadt, die einst einen geliebten Platz in den Herzen der Albaner und sephardischen Juden hatte. Meine Motive des Besuches waren vielfach. Zuerst wollte ich selbst die Stadt sehen wollen, die das sephardische Judentum sowie die mystischen Tradition von Kabbalah der Rabbis beschützt hatte. Diese jüdischen religiösen Gestalten schlossen denjenigen ein, den ich "den letzten jüdischen Sufi" - Rabbi Ariel Bension (1880-1932), genannt hatte. Ich hatte die hohe Ehre, ein Papier des Rabbi Bension auf einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz „Der Platz und die Rolle von Derwisch-Orden in Bosnien-Herzegowina - anlässlich des 800 Geburtstages des Jalaluddin Rumi" in Sarajevo im Dezember 2007 vorzustellen. Die Konferenz wurde vom orientalischen Institut für Sarajevo, der Fakultät der Islamischen Studien, der Philosophischen Fakultät der Universität Sarajevos, und dem Ibn Sina Institut für die Wissenschaftliche Forschung gesponsert.

Außerdem hatte ich im September 2007 das lang erwartete Vergnügen Prof. Nissim Yosha kennen zu lernen, einen israelischen Experten, der über einen anderen sephardischen "Balkan-Juden“, Abrahams Kohen Herrera (ca. 1570-1635), schrieb. Diese Begegnung kam auf einer akademischen Konferenz in Dubrovnik zustande. Ich war erfreut zu erfahren, dass Nissim Yosha ein Sepharde aus Manastiri - einer der wenigen Überlebenden dieser einst wohlhabenden Gemeinschaft, ist. Und schließlich, als ein Linguistik-Student und Freund und Bewunderer der Albaner und ihrer Kultur, hatte ich die Stadt besuchen wollen, die den ersten albanischen Alphabet-Kongress 1908, mit der Teilnahme des Moslems Mithat Frashëri und der Katholiken Luigj Gurakuqi, Ndre Mjeda und Gjergj Fishta, unter anderen, und einschließlich albanischer orthodoxer christlicher Abgeordneter veranstaltete.

Ich ging in Manastiri zu der Gesellschaft des kosovar-albanischen Linguisten Gazmend Berlajolli und des Abgeordneten der Universität von Tetova und der Bektashi Gemeinschaft, Shpëtim Mahmudi, zwei meiner besten Freunde. Aber Manastiri heute, in seinen albanischen und sephardischen Aspekten, ist eine Stadt der Geister, denn die slawischen Makedonier sind  den einstigen Bewohnern (Albaner, Türken, Juden) zahlenmäßig überlegen. Das Stadtzentrum von Manastiri rühmt sich noch fein geschmückter Gebäude vom späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, gebaut durch sephardische Juden und anderen prominenten Bürgern. Aber Juden werden heute selten auf den Straßen gesehen.

Spuren des albanischen Alphabet-Kongresses, eines der großen Ergebnisse der albanischen Intellektuellen, sind schwer erfassbar. Nach der Auskunft eines makedonischen Taxifahrers, der uns mit einem albanischen Freund bekanntmachte, wurden wir ins bescheidene Gebäude auf dem Kai des Flusses Dragor gebracht. Dort lasen wir, "in diesem Haus, zwischen dem 14. und 22. November 1908, fand der Manastiri-Kongress der albanischen Patrioten statt, die sich getroffen hatten, um das moderne albanische Alphabet anzunehmen." Die Inschrift-Daten von 1968 gedenken an den sechzigsten Jahrestages der Ereignisse  und es war echt aufregend zu wissen, dass wir an jenem Ort standen, wo sich große Albaner wie Frashëri und Fishta einst getroffen hatten, um ihre Unterschiede über die Zukunft der albanischen Rechtschreibung aufzulösen. Unglücklicherweise, als wir diese Stelle ausfindig machten, war es schon zu dunkel, um Bilder zu machen.

Und doch haben die albanische Sprache und die albanische Nation, auch wenn ihre Anwesenheit auf ihre Geschichte reduziert wird, den slawischen Hass überlebt. Kein solches Ergebnis wurde für das sephardische Mazedonien verfügt, als Nazi und bulgarische Wölfe sie angriffen. Ich habe in meinem Buch „Rose Sarajevo“ im Jahre 2005 geschrieben, bei der ich hoffe, es in einer albanisch  Version unter dem Titel „The Road to Ulqini“  neu aufzulegen, dass, Albaner und Sephardisten, obwohl sie räumlich nah lebten, wenig Kontakt untereinander hatten. Das ist so, weil eine gemeinsame Geschichte oftmals auf dem Konflikt beruht, und es nie Reibungen zwischen den Albanern und dem Sephardisten, zwei kreativen, aber isolierten, meistenteils von Feinden umgebenen Völkern gab: "Geschichte ist Konflikt; kein Konflikt, keine Geschichte."

Und doch, hatte ich bei Nissim Yosha angefragt, wie die Sephardisten aus Manastirli ihre albanischen Nachbarn ansahen, und er sich „erinnerte, dass er in seiner Kindheit von seinem Großvater die Geschichten hörte, dass Juden in Manastiri sehr oft Prishtina zu kommerziellen sowie sozialen Zwecken besuchten." Manastiri und Prishtina voneinander weit entfernt, aber die Sephardisten waren immer Reisende auf dem Balkan. 

Es gibt jedoch Aspekte der albanischen und der sephardischen Geschichte in Manastiri und anderswo in den albanischen Ländern, die bis heute kaum bekannt sind, aber breite und umfassende Erinnerung verdienen. Das erste und bedeutendste ist natürlich, die Rolle der Albaner als "rechtschaffene Nichtjuden" - viele von ihnen Moslems - welche Juden vom Nazi- Rassenmord in Mazedonien, Kosovo sowie in Albanien retteten. Am 29. Januar 2008, dem Internationale Tag des Gedenkens an den Holocausts, schloss sich die Mission Albaniens zu den  Missionen Ungarns und der Schweiz  bei einem Festakt der Vereinten Nationen an. Diese wurde durch Yad Vashem veranstaltet, um die Albaner und anderen Retter der Juden während des zweiten Weltkriegs anzuerkennen.

Das ist leider lange her, um die selbstlose Handlung der Albaner zu würdigen, die die heidnischen Nazis davon abhielten, ein einzelnes Mitglied der hebräischen Nation von Albanien selbst zu deportieren. Und doch bleibt die Rolle der Albaner für andere umstritten. Vor kurzem behauptete Noel Malcolm, dass mindestens 200 Juden von Kosovo nach Bergen-Belsen während des Holocausts transportiert wurden.

Trotzdem ist die Entdeckung mehrerer deutscher Dokumente, dass 238 Personen im August 1944 deportiert wurden, bewahrt durch Sinan Shabani, den ehemaligen Direktor der albanischen Nationalen Archive, und Claire Lavoine, eine unvoreingenommene Französin der hohen Ethik, von außergewöhnlicher Wichtigkeit. Diese Quellen zeigen, dass nicht mehr als 40 Juden in die nazistischen Transporte von Kosovo kamen. Die große Mehrheit der Deportierten waren  albanische und serbische Partisanen, Kommunisten und andere Gegner des Nazismus.

Während sogar die niedrige Anzahl von 40 jüdischen Opfern in Kosovo tadelnswert ist, demonstriert es, dass die albanische Aufzeichnung für den Schutz von Juden, wenn nicht vollkommen, näher zu ihm war, als viele behauptet hatten. Die Forschung darüber und anderer Fälle, in denen Juden von Albanern gerettet wurden, bildet einen wichtigen Teil eines neuen Projektes in Bosnien-Herzegowina: die Kompilation einer maßgebenden Liste "rechtschaffener Nichtjuden" in Ex-Jugoslawien und Albanien. Diese würdige Anstrengung wird mit skandalös geringen Finanzmitteln vom „Institut für die Forschung über Verbrechen gegen die Menschheit und das Internationale Recht“ an der Universität Sarajevos, unter der Leitung des Prof. Muharem Kreso, ein Moslem, mit dem Beistand von Eli Tauber, einem Juden aus Sarajevo geführt.

Sicher ist die Dokumentation von Albanern in der Unterstützung der verfolgten Juden während des Holocausts, auf die Gefahr hin das eigene Leben zu verlieren, positiv. Leider verblasst es im Vergleich mit der Kriegshandlung Dänemarks, die ihre Juden ins neutrale Schweden schickten. Prof. Yosha, der die Vereinigung der Juden von Mazedonien in Israel leitet, hat mit Nir Baruch,  der die Israel- Bulgarische Handelskammer leitet eine tapfere Kampagne geführt, um die historische Aufzeichnung der bulgarischen Behandlung von Juden während des Holocausts zu korrigieren. Während die bulgarische Regierung sich lange damit gerühmt hatte, die meisten Juden innerhalb ihrer Grenzen von den Nazis geschützt zu haben, übergab sie die Juden an die Deutschen.

Nur eine kleine Zahl von Juden überlebte die Besetzung Mazedoniens; Mark Cohens, Last Century of a Sephardic Community: The Jews of Monastir, 1839-1943 (Foundation for the Advancement of Sephardic Studies and Culture, New York, 2003) umfassen eine Liste von 3.276 Manastirli, die zum Todeslager von Treblinka geschickt wurden. So, in Manastiri, wurden die rechtschaffenen Albaner in ihrer Arbeit, Juden zu retten, durchkreuzt. (Der bemerkenswerte Fall einer jüdischen Frau aus Serbien, die nur überlebte, weil sie nach Albanien, verkleidet als eine moslemische Frau, gebracht wurde, wird in Irene Grünbaums, Escape Through the Balkans, University of Nebraska Press, 1988 nacherzählt.      Nir Baruch hat auch etwas relevantes produziert: ,Annihilation and Survival in United Bulgaria 1943, Association for Research and Commemoration of the Jewish Communities in the Balkans, Israel, 2003.

Nissim Yosha richtete kürzlich eine Meldung an Georgi Parvanov, den Präsidenten Bulgariens wie folgt: " Ich nehme an, dass im März 2008 in Bulgarien der 65. Jahrestag der 48.000 Juden, die überlebt hatten, gedacht wird. In demselben Jahr [1943] war auch die tragische Vernichtung der 11.343 Juden von Thrace, Mazedonien und Pirot, die von den damaligen bulgarischen Behörden direkt zu den Gaskammern von Treblinka deportiert wurden. Das Wissen ihrer positiven moralischen Einstellung bezüglich der historischen Wahrheit und Gerechtigkeit  hoffen wir, dass Sie eine entsprechende Gelegenheit finden werden, die wahren Tatsachen den Leuten Bulgariens und allen zivilisierten Nationen, nach der Entschuldigung der 11.343 Männer, Frauen und Kinder fragend, die im März-April 1943 im verdammten Vernichtungslager von Treblinka zugrunde gingen, anzusprechen. Solch eine Präsidentenerklärung wird das Image und das moralische Niveau Bulgariens als ein wichtiges Mitglied der zivilisierten Familie von Nationen anheben."

Lassen Sie es wieder und wieder gesagt werden, dass die Albaner bereits ihren Platz in dieser Familie fest haben, und dass die Zeit für die Anerkennung ihrer Taten der Welt öffentlich verkündet werden.

In der Forschung des Lebens des Rabbis Bension, dessen Arbeit an der jüdischen Mystik und ihrer Beziehung mit dem Islam, welches mein Leben völlig änderte, erfuhr ich, dass er als Rabbi in Manastiri vor dem ersten Weltkrieg gedient hatte. Die Stadt war unter der serbischen Besatzung, und albanische und türkische Leute wurden unterworfen, um zu ermorden, und andere Verbrechen wurden begangen, für die das serbische Militär berüchtigt war. Bulgaren wurden vertrieben, Moslems wurden getötet und ihre Dörfer verbrannt, und serbische Kolonisten begannen, in diese Region zu immigrieren. 

Die Juden Belgrads, die größtenteils Sephardisten waren und vom bemerkenswerten Rabbi Ishaq Alkalay geführt wurden, versuchten, die Manastirli-Juden mit der serbisch-jüdischen Gemeinschaft zu vereinigen. Die Sephardisten Belgrads waren in die serbische Kultur assimiliert worden und gaben ihre Judeo-spanische Sprache auf, während die Manastirlis noch Spanisch sprachen. Die neue Verwaltung versuchte weiter, jüdisch-religiöse und -weltliche Ausbildung vorzulegen, um dadurch das serbische Schulsystem zu kontrollieren. Mark Cohen identifiziert offenherzig, dass der Versuch der Belgrader Rabbis und ihrer königlichen serbischen Schutzherren scheiterte: Die Manastirli Juden "umarmten nicht eine serbische Identität". Stattdessen gingen viele nach Amerika. 

Und hier finden wir wieder die unsichtbare Beziehung von Albanern und Sephardisten in Beweisen. Beide standen serbischen als auch deutschen Aggressionen gegenüber; beide bemühten sich, ihre bemerkenswerten kulturellen Traditionen zu bewahren. Unglücklicherweise gab es zu wenige Sephardisten, um dem Angriff des serbischen und deutschen Imperialismus zu widerstehen; glücklicherweise gab es zu viele Albaner, um auch weggewischt zu werden.

Ich bete, dass amerikanische und israelische Juden nicht weniger als Albaner die Lehren der Manastiri beachten werden, "die Stadt der Geister," denn in den kommenden Wochen und Monaten, da die Unabhängigkeit von Kosovo diskutiert wird, die sich im allgemeinen freundlich weder den Juden noch den Albanern erwiesen haben. Lassen Sie die tugendhaften Juden mit den Albanern auferstehen, weil die rechtschaffenen Albaner für sie einmal eintraten. Und eines Tages, vielleicht, werden die Geister von Manastiri zum Leben zurückkehren, und die ruhmvolle Vergangenheit der Stadt wiederzubeleben. Im Namen der Toten; im Gedächtnis von Mithat Frashëri, einem Moslem, Gjergj Fishta, einem Katholiken, und Ariel Bension, einem Juden.