Das Wahhabismus-Problem

Mit skurrilen Fragebögen versuchen deutsche Ämter, gefährliche Islamisten zu erkennen.

Dabei wären die Unterschiede zwischen gemäßigten und radikalen Muslimen einfach auszumachen

Von Stephen Schwartz

Eine der zentralen Fragen im Umgang mit dem radikalen Islamismus ist, wie Nichtmuslime, die im Allgemeinen wenig über den Islam wissen, moderate Muslime erkennen können.

Eine gemäßigte muslimische Einstellung zeigt sich in Haltungen und Verhalten, nicht durch Abstraktion oder historische Präzedenzfälle, die jede ideologische Position stützen können. Sunniten mit derlei praktischen Kriterien zu beobachten und zu analysieren ist sehr einfach: Sie lassen sich daran erkennen, wie sie auf eine einfache Frage reagieren: "Was halten Sie vom Wahhabismus, der Staatsreligion Saudi-Arabiens?"

Jeder Muslim weiß, dass al-Kaida den Wahhabismus verkörpert. Befragt man einen

Sunniten über den Wahhabismus, und er antwortet, es handele sich um eine umstrittene, extreme Doktrin, die wegen des saudischen Reichtums viele Probleme verursacht, ist er wahrscheinlich gemäßigt. Es reicht nicht, Saudi-Arabien anzuprangern - radikale Islamisten kritisieren die Monarchie dafür, den wahhabitischen Glauben nicht genug umzusetzen. Die Wurzel des sunnitischen Terrors ist der Wahhabismus, nicht die Monarchie.

Wer versucht, eine Verbindung zwischen Wahhabismus und al-Kaida zu bestreiten oder US-Machenschaften für al-Kaida verantwortlich zu machen, kann nicht als gemäßigt gelten. Bestreitet ein Sunnit, dass der Wahhabismus existiert, weil es "nur einen Islam" gebe, oder versucht er, den Wahhabismus mit dem Begriff "Salafismus" zu kaschieren, ist er ein Extremist. Er wird nie seine Opposition zum Wahhabismus per se erklären. Er könnte sogar behaupten, dass das gesamte Konzept vom Westen erfunden wurde.

Gemäßigte Muslime lassen sich auch daran erkennen, was sie nicht tun. Ganz oben steht Takfir - die Praxis, andere Muslime zu Ungläubigen zu erklären. Zu Takfir gehört auch die Sicht, die traditionelle muslimische Mehrheit in der Welt sei in Unglauben gefallen.

Mit Takfir werden die Massaker radikaler Sunniten an Schiiten im Irak gerechtfertigt. Takfir stützt die Ideologie der wahhabitischen Strömung Saudi-Arabiens, der extremistischen sunnitischen Muslim-Bruderschaft in Ägypten und die blutrünstigen sunnitischen Dschihad-Bewegungen in Pakistan. Takfir verbindet die muslimischen Extremisten in der Illusion, sie gehörten einer reinen Elite an. In seiner Hauptströmung ist und war der Islam niemals eine radikale oder fundamentalistische Religion.

Gemäßigte Muslime praktizieren kein Takfir. Sie beschuldigen auch terroristische Wahhabiten nicht des Unglaubens, sondern der Kriminalität. Traditionelle Muslime vermeiden es, jemanden des Unglaubens zu bezichtigen.

Gemäßigte Muslime, Schiiten wie Sunniten, bezeichnen Angehörige anderer Religionen - vor allem Juden, Christen, Zoroaster, Hindus und Buddhisten - auch nicht als Ungläubige. Der Koran nennt Juden und Christen nie Ungläubige, sondern "Völker des Buches", die Achtung und Schutz verdienen. Gemäßigte Muslime halten sich streng an diese Sicht.

Sie bedienen sich nicht der Rhetorik des Dschihad und führen auch keine haarspalterischen Debatten über die Bedeutung des Worts. Moderate suchen in der jetzigen Welt einen Platz für den Islam als Religion, die wegen ihres Glaubens bewundert wird. Sie sind nicht auf Konflikte aus, bei denen ein Sieg möglicherweise mit dem Leben anderer zu bezahlen ist.

Moderate Muslime verweigern auch nicht die Treue zu nicht-muslimischen Regierungen. Sie predigen nicht öffentlich Loyalität zu diesen Obrigkeiten und verdammen insgeheim westliche Regierungen als schwächer. Sie erfinden keine Verletzung von Bürgerrechten, um Regierungen zu bekämpfen. Sie erkennen, dass Muslime in den meisten westlichen Ländern mehr Rechte und Chancen haben als in den meisten islamischen.

Moderate Muslime sind nicht arabozentrisch. Sie wissen, dass Stil, Sprache und religiöse Gepflogenheiten des Islam in Mali anders sind als in Malaysia, in Bosnien anders als in Botsuana. Sie akzeptieren, dass es Vielfalt auch unter Muslimen im Westen geben sollte.

Wie gehen moderate Muslime mit Radikalen um? Sie räumen ein, dass es ein Religionsproblem gibt - nicht im Glauben, sondern unter den Gläubigen. Sie erkennen, dass radikale Ideologie und Terrorismus die Zukunft des Islams bedrohen und daher aufgehalten werden müssen. Ihren Widerstand gegen Extremismus beschränken sie nicht auf Lippenbekenntnisse, sondern prangern Radikale öffentlich an und bekämpfen sie. Sie versuchen nicht, mit Scheinfatwas und anderen Tricks die westliche Öffentlichkeit hinters Licht zu führen, noch präsentieren sie sich plötzlich als Sufis, um frühere radikale Thesen vergessen zu machen.

Moderate Muslime wissen, dass die grundlegenden Texte, Kommentare, juristischen, philosophischen und theosophischen Werke des Islam als Bollwerk gegen Extremismus ausreichen. Daher ist der heutige Extremismus ein neues und radikales Phänomen, kein traditionelles oder konservatives.

Auch Gemäßigte mögen nach "Reformen" des Islam streben. Gemäßigte müssen aber keine "Reformer" sein. Viele, die heute den Islam "reformieren" wollen, sind nicht gemäßigt. Einige suchen einfach das Rampenlicht, andere sind besessene Egomanen. Auch ibn Abd al-Wahhab, der vor 250 Jahren die Sekte der Wahhabiten begründete, wird als Reformer bezeichnet. Opportunismus und Sektiererei haben schon immer den Erfolg von Gemäßigten behindert.

Moderate Muslime konzentrieren sich auf Hingabe an ihre Religion, nicht auf Politik oder PR. Sie vergessen nicht, dass der Prophet seine Umma aufforderte, eine Gemeinschaft der Mäßigung zu sein.

Zitat:

"Moderate Muslime vermeiden es, jemanden des Unglaubens zu bezichtigen"

Stephen Schwartz ist Autor des Buchs "The Two Faces of Islam. Saudi Fundamentalism and its Role in Terrorism"

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